Letzte Woche hatte ich das Vergnügen, mit den Männern unserer Familie vor der kroatischen Küste auf und ab zu segeln. Der erste Tag war etwas hektisch, wir mussten lange auf unser Boot warten, viel länger als gedacht und wollten trotzdem noch raus aus dem Hafen, über den in regelmäßigen Abständen Flugzeuge im Landeanflug hinweglärmten.

Also fuhren wir unter Motor — der Wind ließ uns im Stich — und rein in die nächste Bucht. Doch da ging es zu wie bei Walmart am schwarzen Freitag und uns wurde schmerzlich bewusst, dass der Segeltourismus in der breiten Masse angekommen ist.

Gut, weiter zur nächsten Bucht, im Wettlauf mit dem Sonnenuntergang. Wir waren schon mehr als 40 Stunden auf den Beinen (wir sind die ganze Nacht durchgefahren um den Staus zu entgehen) und dementsprechend müde. Dann endlich, bei völliger Dunkelheit, tauchte der ersehnte Ankerplatz auf. Mit Stirnlampen und letzter Kraft das Boot festgemacht, Dinghi zu Wasser gelassen und ab ins Restaurant. Der Steg davor war mit anderen Schlauchbooten voll besetzt, es blieb uns nichts Anderes übrig als am Ufer anzulanden. Barfuß, die Schuhe in der Hand — die sollen ja nicht nass werden — mein erster Schritt an Land.

Und Zack! Seeigel! Ein perfekter Start.

Der Schmerz war erträglich, erst dachte ich, ich hätte mich am scharfen Gestein aufgeschnitten. Ein Blick bei Licht brachte die Erkenntnis: Etwa zwei Dutzend Stacheln steckten wunderbar tief in meiner Ferse. Am nächsten Morgen wurde mir das Ausmaß der Seeigelseuche klar. Die ganze Küstenlinie war übersät davon, es war praktisch unmöglich, nicht auf einen zu treten.

 

Ich erzähle dir diese Geschichte, weil für mich eine wunderbare Analogie dahintersteckt: So wie die Seeigelstacheln in der Ferse hab ich früher auch viele solcher Stacheln in meiner Seele gefunden. In dem Moment, in dem ich — metaphorisch — auf meinen emotionalen Seeigel trat, war der Schmerz nur mäßig spürbar. Aber wie die in der Ferse, entwickeln auch die seelischen Stacheln, wenn man ihnen keine Aufmerksamkeit schenkt, ein unangenehmes Eigenleben.

Wenn du schon mal auf einen Seeigel getreten bist, weißt du, dass du die Stacheln im ersten Moment gar nicht rausbekommst. Dafür gibt es Pflaster, die diese ungebetenen Gäste rausziehen, was ein paar Tage dauert. Erst dann schaut soviel raus, dass man sie anfassen und rausziehen kann. Und auch dann noch brechen sie gerne ab und bleiben noch eine Weile.

Heute morgen habe ich wieder mal in der Ferse rumgestochert, in der Hoffnung, den Rest der Bande endgültig aus meinem Körper zu entfernen. Doch die eine Nadel in meiner Hand war schmerzhafter als alle Stacheln zusammen und so blieb es bei der Hoffnung und der letzte Rettungsversuch wurde vertagt.

 

Mit den Stacheln in der Seele ist es das selbe.

Es braucht Zeit und Aufmerksamkeit, wie ein Pflaster, bis sie soweit an der Oberfläche sind, dass man sie auch mit erträglichen Schmerzen rausziehen kann.

So ein Seelenpflaster kannst nur du selbst auf die betroffenen Stellen kleben und besteht aus Selbstliebe, Vergebung und Achtsamkeit. Wenn die Zeit reif ist — und du wirst genau spüren, wenn es soweit ist — brauchst du nur noch das richtige Werkzeug, um diese Biester aus deinem Herz zu ziehen.

 

Was lerne ich aus meiner Seeigelaktion? Mit dem Unglück zu hadern bringt überhaupt nichts. Wenn die Stacheln erst mal in meinem Fleisch stecken, ist es schon passiert und die Frage nach dem warum bringt mich nicht weiter. Stattdessen frage ich mich, was ich tun kann, damit ich erstens die Dinger wieder loswerde und zweitens die kommenden Tage mit der gepiercten Ferse möglichst genießen kann.

 

Genau das selbe mache ich, wenn ich Stacheln in meiner Seele entdecke.

Erst ziehe ich sie mit einer gehörigen Portion Selbstliebe („Ich nehme mich an, so wie ich jetzt bin, ich liebe mich, so wie ich jetzt bin.“ Diese Sätze sind mir über lange Zeit sehr sehr schwer gefallen. Und wie ist das bei dir?) und Vergebung aus den Tiefen meines Herzens an die Oberfläche. Wenn die Zeit reif ist, lassen sich die Dornen relativ leicht rausziehen.

 

Wenn du also wieder mal auf einen Seeigel steigst, ärgere dich nicht.

Ich konnte den Rest der Woche übrigens wirklich genießen und nehme viele wunderschöne Eindrücke mit in den Alltag. Ich lass mir von so einem Stachelvieh doch meinen Urlaub nicht versauen.

 

Alles Liebe,

Wolfgang

Was ich getan hab:

Für die Stacheln in der Ferse half ein Spezialpflaster aus der Apotheke, eine Nadel und ein Desinfektionsspray.

Gegen die Dornen in der Seele hilft nur ein warmer Umschlag aus Selbstliebe, eine Prise Vergebung mir selbst gegenüber und Geduld. Letzteres ist aber eine der größten Herausforderungen. Zumindest für mich.

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