Gewohnheiten sind eine gute Sache. Sie geben mir Sicherheit und Routine, eine Art von Geborgenheit. Der Kaffee zum Frühstück weckt mich verlässlich auf und gibt mir Halt in den ersten wackeligen Minuten des Tages. Es tut gut, das Handy in der Jackentasche zu spüren, so bin ich verbunden mit dem Leben und mit den für mich wichtigen Menschen. Für die Zigarette nach dem Essen gehe ich nach draußen, genieße die frische Luft und den Tabakgeschmack in meinem Mund. Das klingt vielleicht etwas verrückt, aber als Raucher empfinde ich das so.

Es sind es die kleinen Gewohnheiten, die ich liebgewonnen habe, in denen ich durchatmen kann, wenn es stressig wird.

Doch diese Gewohnheiten können sich auch ins Gegenteil verwandeln. Das tun sie immer dann, wenn es ohne sie nicht mehr so leicht geht. Wenn ich grantig werde, weil der Kaffee gut aber aus ist, wenn ich nochmal umkehre und 20 Minuten Verspätung in kauf nehme, weil ich mein Handy zu Hause vergessen hab, wenn die frische Luft nicht genug ist und ich panisch nach anderen Rauchern Ausschau halte, weil meine Zigaretten noch im Automaten stecken.

Das sind keine erfundenen Beispiele.

Der Kaffee am Morgen schmeckt zwar gut, enthält aber zu viel Histamin und steht seit dem letzten Besuch bei meiner Kinesiologin auf der roten Liste. Also habe ich ihn mal eine Zeit lang weggelassen und Tee zum Frühstück genossen. Das war hart am Anfang. Aber ich habe bemerkt, dass ich um nichts weniger wach bin, wenn ich Tee trinke. Das hat mal einen fetten Glaubenssatz in mir aufgelöst: „Ich brauche Kaffee am Morgen, damit ich munter werde.“

Kennst du das? Hast du das vielleicht auch in deine Wahrheit integriert?
Es war nicht unmöglich, Tee statt Kaffee zu trinken. Aber doch überraschend anders.

Du hast sicher auch schon mal dein Smartphone zu Hause vergessen. Erinnere dich daran, wie hat sich das angefühlt? An einem schönen, sonnigen Tag im heurigen Frühjahr war ich unterwegs zu einem Freund und schon 10 Minuten unterwegs als ich entdeckte, dass mein Handy noch im Homeoffice liegt. Ich hab umgedreht, das dämliche Ding geholt und mich verspätet.

Wie doof ist das eigentlich? Ehrlich, so lange gibt es diese mobilen Telefone noch gar nicht, die erste Hälfte meines Lebens überlebte ich doch tatsächlich, ohne ständig erreichbar zu sein. Unglaublich. Wie ging das früher bloß?

Und wie ist das mit dem Rauchen? In den ersten 48 Jahren meines Lebens war ich nur 15 davon Nichtraucher. Das heißt, Rauchen ist eine Gewohnheit, die ich schon sehr, sehr lange pflege.
Ja, Rauchen ist eine Gewohnheit. Keine Sucht. Oder sagen wir so: Die Sucht ist nicht relevant und binnen eines Tages überwunden. Das Problem ist die Gewohnheit.

Anfang 2017 ließ ich diese blöde Gewohnheit mal wieder los. Und ich stolperte nicht über die Entzugserscheinungen, die sind sehr leicht und einfach zu überleben. Wirklich gefordert haben mich meine Gewohnheiten: Die Zigarette nach dem Essen (Glaubensmuster: „Rauchen kurbelt meine Verdauung an“.), der gewohnte Geschmack im Mund, die Rauchpause an einem stressigen Tag. Der Gusto, das Verlangen nach dem vertrauten Gefühl, wenn ich eine geraucht habe.

Ich habe es damals nicht geschafft. Nach nur wenigen Tagen habe ich damit angefangen, eine kleine Zigarillo am Abend zu inhalieren, damit zumindest zum Schlafengehen die innere Unruhe verschwand. Es blieb nicht dabei. Eh klar.

Gewohnheiten sind gut, solange sie nicht in die Abhängigkeit abdriften. Wo aber beginnt eine Abhängigkeit, ab wann ist eine Gewohnheit nicht mehr gut für mich? Und worin liegt der Unterschied? Ist der Gusto auf eine Zigarette nicht auch Abhängigkeit?

Gewohnheiten sind meine Inseln der Ruhe und der Routine, wenn es um mich herum zu hektisch wird oder ich aus welchem Grund auch immer nicht bereit bin, mich in den Tag zu stürzen. In ihnen steckt ein kleiner Fluchtgedanke. Bei Gewohnheiten geht es für mich nicht um die Gewohnheit an sich, sondern um die kleine Auszeit aus dem Fluss des Lebens. Sie sind positiv besetzt und gerade deshalb ist es so schwer, anzuerkennen, wenn aus der Gewohnheit eine Abhängigkeit wird.

Insofern müsste ich jetzt eigentlich den Titel abändern auf: „Gewohnheiten sind gut, Abhängigkeiten sind schlecht“. Hm. Kommt nicht so spritzig.

Wer gibt schon gerne zu, abhängig zu sein? Wo wir doch unter Abhängigkeit etwas ganz Anderes verstehen als so eine blöde Gewohnheit wie Kaffee, das Handy oder die Zigarette? Wenn ich an Abhängigkeit denke, sehe ich Spritzen und zerstörte Leben vor meinem geistigen Auge, da bin ich doch meilenweit davon entfernt! Oder?

Ja, doch. Und nein. Der Übergang von Gewohnheit zu Abhängigkeit ist fließend und sehr individuell. Diese Frage kannst nur du beantworten. Die Folgen bei einer Koffeinabhängigkeit sind nach außen natürlich nicht so drastisch wie bei harten Drogen. Aber versuch es mal selbst, bevor du dich fragst, warum ich so etwas unwichtiges wie Gewohnheiten überhaupt thematisiere. Lass den Frühstückskaffee (oder -tee) weg, mach mal eine Woche lang eine digitale Diät und dann hör auf zu Rauchen.

Es bewahrheitet sich einmal mehr die Weisheit, dass die Welt nicht schwarz oder weiß ist, sondern grau in unzähligen Abstufungen.

Und somit bleibt wieder einmal alles bei dir hängen. Sorry.

 

In diesem Sinne,

alles Liebe!

Wolfgang

Wenn dir ein Thema auf dem Herzen liegt, schreib mir ein paar Zeilen! Die meisten Beiträge entstehen aus Gesprächen mit Menschen, aus interessanten Begegnungen. Das Thema Gewohnheiten habe ich mit Sonja Hochleitner letzte Woche vor dem Radiointerview entdeckt. Genauer gesagt, fand Sonja es extrem spannend als wir so dahinphilosophierten. Darum werden Gewohnheiten auch beim zweiten Teil des Interviews, das am 4.10.2017 stattfinden wird (Radio Fro, 105 MHz, 11 bis 12 Uhr) ein Thema werden.

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