Heute nehme ich dich wieder mit in meine Gefühlswelt.

Im ersten Teil ging es um die Überlastung im Job und die erfolglosen Versuche, dies zu ändern. Ein Gefühl von Fremdbestimmtheit machte sich mehr und mehr breit. Dieses Gefühl schwappte aber auch auf mein liebstes Hobby über: Auf die Musik, auf unsere Band, mit der wir zu der Zeit noch unterwegs waren. All die Jahre war die Musik mein Ausgleich, meine emotionale Balance, doch irgendwann wurde aus der Freude Stress, denn Konzerte sagt man nicht so einfach ab. 

Im letzten Jahr unseres Bestehens wurde ich regelmäßig drei Tage vor einem Gig krank, bei meinem Hausarzt war ich schon gefürchtet dafür. Auch bei der Band. Der Raum, der mir blieb, um auf die Signale meines Körpers zu hören, schrumpfte gegen Null, die Beschwerden wurden mehr. Vergesslichkeit und nachlassende Leistungsfähigkeit waren nur die anfänglichen Symptome. Gleichzeitig ist es erstaunlich, wie lange man den Schein nach Außen wahren und eine heile Welt vorgaukeln kann. Das macht es so schwierig, ein Burnout als Außenstehender zu erkennen.

Teil 2 von 3:

November 1998

Ich sitze im Bus auf dem Weg zu einem Konzert in der Steiermark und hänge meinen Gedanken nach. Leere Dosen häufen sich zwischen den Sitzen unseres uralten Ford Transit. Ich schütte mir abwechselnd Bier und Energydrinks in meinen leeren Magen, das eine zum betäuben, das andere zum wachwerden. Zum Essen war noch keine Zeit, wäre aber auch mit meiner Gastritis nicht so toll gewesen. Die Erkenntnis, dass wohl die Kombination aus Tabletten und Zigaretten das Hungergefühl dämpft, beruhigt mich nicht wirklich. Die Nasentropfen schaffen es zwar, den einen oder anderen zum Singen wichtigen Hohlraum zu öffnen, dafür muss ich die aber schon fast stündlich nehmen.

Ich fühle mich krank und würde jetzt viel lieber daheim auf der Couch liegen. Doch einen Gig absagen? Unmöglich. Nicht mal, wenn ich Fieber hätte. Da müsste ich schon im Krankenhaus liegen. Dass ich im letzten halben Jahr immer kurz vor einem Konzert krank werde, ist seltsam und mittlerweile ein running gag in der Band. Der Versuch, mich an die Zeit zu erinnern, in der dieses Rock ´n´ Roll-Leben noch uneingeschränkt geil war, läuft ins Leere. Ist wohl zu lange her. 


Mir fällt ein, dass ich die Textmappe zu Hause vergessen hab und fange an, im Geiste die Setlist und die Lyrics durchzugehen. Ein ungutes Gefühl steigt in mir hoch, weil bei der Hälfte der Songs schon die erste Zeile nicht mehr abrufbar ist. Ich verlasse mich darauf, dass alles zur rechten Zeit da sein wird, aber wohl ist mir nicht dabei. Was solls, es gibt keine andere Möglichkeit.

Endlich angekommen. Die Zeit ist knapp, Aufbau und Soundcheck warten. Ich bin ferngesteuert, aber es gelingt mir, alles andere auszuklammern und mich auf das, was bevorsteht, zu fokussieren: Der Gig, zwei Stunden on stage, ich ganz vorne. Der Techniker vor Ort ist engagiert, aber in seinen Möglichkeiten begrenzt. Persönlich und technisch. Die Anlage ist am Limit, das Monitoring zum Fürchten. Beim Soundcheck pfeift es fast ununterbrochen, meine Nerven sind zum Zerreißen gespannt. Letztendlich wird der Monitor auf der Bühne so leise gedreht, dass ich mich kaum noch singen höre, das beschissenste Setting für einen Auftritt. Zwischen E-Gitarren, Schlagzeug und Bass gehen die Vocals unter wie ein Stein in der Badewanne.

Mein Sarkasmus steigt mit dem Grad meiner Alkoholisierung, aber gleichzeitig wird mir alles mehr und mehr egal und nur das zählt.
Fünf Minuten vor dem Auftritt wird mir klar, dass ich doch etwas essen hätte sollen, mein Magen hängt in der Luft und weiß nicht, wohin. Keine Zeit, darüber nachzudenken. Wir stellen uns zusammen, schwören uns auf einen geilen Gig ein, denn nur darum geht es jetzt. 


Über die Jahre habe ich gelernt, mich auf den Punkt zu fokussieren, alle meine Energien in den Augenblick zu lenken und das gelingt mir auch heute wieder. Dem Adrenalin sei Dank.
Kaum auf der Bühne, spüre ich mich ein wenig mehr und schaffe es, ohne peinlich zu werden, das Publikum zu begrüßen. Als kurz das Licht im Publikumsraum aufleuchtet, wird mir klar: Geile Scheiße, der Saal ist voll. Etwa 300 Menschen schauen zu mir hoch und ich wage nicht zu denken, welches Bild ich gerade abgebe.


Ein Teil meines Gehirns sucht noch immer die erste Zeile des ersten Songs während mein Bruder am Schlagzeug schon einzählt. Schlagartig ist da die Angst, alles zu verkacken, doch ich habe keine Zeit, mich darum zu kümmern.


Wenn man etwas lange genug macht, setzt es sich so im Unterbewusstsein fest, dass man nicht mehr denken muss. Das gilt fürs Musizieren ebenso wie für Texte. Ich befehle meinem Gehirn, die Suche nach Worten einzustellen und lasse mich in die Musik fallen. Die Finger auf dem Griffbrett der Gitarre wissen auch ohne meinen Kopf, was zu tun ist, und der Moment, wo ich zu singen anfangen soll, rückt näher und näher. Ich gehe zum Mikro, noch immer keinen Tau, was jetzt passieren wird. Spannend. Drei Sekunden später höre ich mich singen. Noch dazu den richtigen Text. 


Mir ist klar: Ich bin auf Autopilot und zwar vollständig.

Der Gig läuft gut. Ich schwitze wie verrückt, bin aber am Leben. Auf der Bühne kann ich mich kaum hören und in mir wächst die Wut über die Unfähigkeit von Technik und Techniker, die mir die Kontrolle über meine Stimme so schwermachen. Überlebensmodus. Notfallagenda. Ich muss da durch. Es gibt keine andere Option.

Langsam springt der Funke auf die Menge über, aber das bemerke ich nur am Rande.
Mein Unterbewusstsein hat die Regie übernommen, ich bin nur am funktionieren. Gott sei Dank, wenigstens das. Wenn ich auf meinen Körper hören würde, wäre ich zu Hause im Bett. Doch das bin ich nicht. Ich bin nur kaputt.
Später werde ich mich nicht mal mehr daran erinnern können, welche Songs wir gespielt haben. Als alles vorbei ist, bin ich nass wie ein Schwamm, meine Augen brennen vom Schweiß und mein ganzer Körper schmerzt.

Kaum im Backstagebereich angekommen, geben meine Beine nach. Ich muss mich hinlegen, kann nicht mehr stehen, alles dreht sich um mich und mein Energielevel ist augenblicklich auf Null. Die Band macht sich kurz Sorgen, alle wollen helfen. Können sie aber nicht. Lasst mich einfach liegen. Jetzt. Alkoholfreie Getränke und Essen werden mir gebracht, doch mir ist schlecht. Ich bin beschäftigt mit atmen und überleben.

Es dauert etwa 15 oder 20 Minuten, bis ich mich wieder gefangen habe und die Jungs beim Merchandising-Stand besuche. Den Alkohol habe ich wohl während des Konzerts erfolgreich abgebaut und der Kreislauf ist wieder da. Im Geist versuche ich die letzten zwei Stunden zu rekapitulieren, doch außer verschwommenes Zeug kommt da wenig.
Von meinen Kollegen erfahre ich, dass das Konzert gut angekommen ist und alle, inklusive Veranstalter, hochzufrieden mit dem Abend sind.
Halleluja.


Es ist eigentlich unglaublich, dass man mit einem gefühlten Energielevel von 2% noch immer so tun kann, als wäre alles ok. Und niemand bemerkt es.

Ich kann kaum noch sprechen, meine Stimmbänder sind ausgelaugt wie ein Marathonläufer im Ziel und das wird erfahrungsgemäß noch zwei Tage anhalten. Konversation ist jetzt das Letzte, was ich will. Dank an die Tontechnik.

Der Abend ist witzig, der Schmäh läuft und lässt mich die Anstrengungen vergessen. Die nächsten paar Stunden werde ich passiv und wortkarg in den Seilen meines Boxrings hängen und so tun, als ginge es mir gut. Es gibt Alkohol bis zum Abwinken.

Irgendwann gegen vier Uhr in der Früh falle ich ins Bett und kann einfach nicht mehr. Mir ist schlecht, aber aufstehen ist jetzt nicht mehr möglich. Die Emotionen kommen noch einmal hoch wie Wellen an einer Steilküste bei Windstärke 10, der Tag läuft vor meinem geistigen Auge ab, ohne dass ich es steuern könnte.

 

Es ist mir ein Rätsel, woher ich die Kraft dafür nehmen konnte und bedanke mich bei dem da oben. Nicht, dass mir das sonst so wichtig wäre, aber ich finde, es ist jetzt absolut passend. Mein Herz schlägt noch immer wie wild, mit Sicherheit liegt der Puls über 140 und das schon den ganzen Tag. Mir ist, als würde mich mein Körper anschreien und mir bitterböse sein, weil ich ihn so vergewaltige. Ich würde gerne flennen, aber ich kann nicht.

Aus dem Nichts kommt der Gedanke an meine Idole, die im zarten Alter von 27 Jahren über die Regenbogenbrücke gegangen sind: Janis Joplin, Jimmy Hendrix, Jim Morrison. Auf eine sonderbare Weise fühle ich mich mit ihnen verbunden. Doch dann wird mir klar: Shit, die Gelegenheit habe ich verpasst.
Im nächsten Moment drückt mich der Alkohol in die Matratze und schenkt mir einen schnellen Schlaf. Danke dafür.

Anmerkung: Vielleicht erkennst du dich ein Stück weit wieder und kannst das nächste Mal, wenn Gefühle dieser Art in dir auftauchen, achtsam damit umgehen und darauf eingehen. Pausen machen hilft da sehr, auch einmal Nein sagen. Dann hätte dieser Blick in meine Seele seinen Sinn schon erfüllt.

 

Alles Liebe,

 

Wolfgang

P.S.: Die Band, mit der ich damals unterwegs war, hieß „Tuskulum“ (ca. 1990 bis 1999 und in leicht veränderter Besetzung 2007 bis 2009). Diskographie: „Bottle Green“ 1993, „What!“ 1997, „My Life“ (EP) 2007. Alle CDs sind noch erhältlich.