Heute ist es soweit, der dritte und letzte Teil meines Ich-nehm-dich-mit-in-mein-Burnout-Newsletters ist in deinem Posteingang.

Ich schreibe diesen Text mit einem seltsamen, traurigen Gefühl. Weniger wegen mir selbst, sondern weil ich erfahren habe, dass sich sich leider ein Mensch aus meinem erweiterten Bekanntenkreis das Leben genommen hat. Niemand hat das kommen sehen. Das Loch, in das er in seinem zweiten Burnout fiel, war zu tief und zu dunkel und für seine Umgebung nicht der Dramatik zu erkennen.

Das zeigt mir, wie wichtig mein Blog ist, oder sagen wir, mein Versuch, Wege aufzuzeigen, wie man mit dieser Krise vielleicht besser umgehen kann.

Aber jetzt will ich mit dir eintauchen und ich hoffe, dass du die übermächtige Gewalt wahrnehmen kannst, die die destruktiven Gedanken und Emotionen über mich hatten.

 

Jänner 2000.

 

Ich sitze im Auto und bin auf dem Weg zu meinem Hausarzt. Jeder Hustenanfall schmerzt in meiner Lunge als würde man ein glühendes Brandeisen auf die Brust drücken. Der Besuch ist eigentlich nur Formsache, mir ist völlig klar, wie die Diagnose lauten wird. Schließlich hatte ich in den letzten 10 Monaten schon drei Mal Lungenentzündung. Das ist die vierte.

Ich bin praktisch schon Profi.

Ich weiß auch schon, was dann kommt: Zwei bis drei Wochen Krankenstand, mindestens drei Packungen Antibiotika, dazu ein kleiner Cocktail an Magenschonern und allerlei sonstiges Zeug, das ich schon lange nicht mehr hinterfrage.

Ich fühle mich erbärmlich. Körperlich und mental. Letzte Nacht konnte ich wieder kaum schlafen. Dunkelschwarze Gedanken ziehen wie an einer Perlenkette aufgefädelt von einem Ohr zum anderen und ich bin nicht in der Lage, die Schnur durchzuschneiden. Mir fehlt einfach die Kraft dazu.

Obwohl ich in der letzten Zeit nicht viel esse, nehme ich zu. Wahrscheinlich von den Medikamenten. Manche der bunten Drops vom Doktor musste ich noch lange nach meinem letzten Krankenstand nehmen und mir wird immer klarer, dass es so nicht weitergehen kann. Gleichzeitig habe ich nicht den geringsten Ansatz, was ich ändern könnte.

Schon vor einiger Zeit habe ich damit aufgehört, mich meinem Umfeld mitzuteilen. Von „Reiß dich doch zusammen“ bis „Wird schon nicht so schlimm sein“ war an Ratschlägen alles dabei, was mich auf die Palme bringt. Als wäre ich auf einem anderen Planeten und würde eine gänzlich andere Sprache sprechen, sehe ich keinen Nutzen mehr darin, irgendwas zu kommunizieren.

Der Doc sagt mir genau das, was ich erwartet habe und verschreibt mir auch wieder den gleichen Scheiß. Nicht mal ihm will ich mich anvertrauen, ich hab genug vom Nicht-verstanden-werden. Vielleicht hab ich auch Angst, dass die Klappsmühle mein neues Zuhause werden könnte oder davor, dass Psychopharmaka den Rest meines Lebens bestimmen. Angst, wohin ich auch sehe.

Ich suche nach einem inneren Bild, mit dem ich in Frieden bin, in dem dieser Kampf aufhört, den ich jeden Tag, jede Stunde mit mir selbst ausfechte. Erst letzte Nacht hab ich mich in dieses Gefühl hineinversetzt und gewartet, welche Bilder auftauchen. Das, was kam, hat mich beruhigt und schockiert gleichermaßen. Die Erkenntnis, dass der Tod eine Erlösung sein kann, war neu für mich. All die Träume und Wünsche, die ich ans Leben hatte, waren wie weggeblasen und zurück blieb ein Gefühl der Leere und des Friedens. Das Gefühl, diese Inkarnation verkackt zu haben, war leichter und weniger bedrohlich, als die Vorstellung, dass die Schlacht um mein Leben so weitergeht wie bisher.

Am Heimweg komme ich an einer Stelle vorbei, an der am Straßenrand ein einsamer, alter Baum steht und ich bemerke, wie er meine Aufmerksamkeit magisch anzieht. Einmal kurz das Lenkrad verreißen und alles hat ein Ende. Der Schmerz, das Leid, die dunklen Gedanken, das Nicht-verstanden-werden, die gefühlte Einsamkeit, einfach alles.

Ein chinesisches Sprichwort sagt: „Der, der den Gegner bezwingt, ist kraftvoll. Wirklich stark ist der, der sich selbst besiegt.“ Jetzt erst verstehe ich. Und ich bin dabei, grandios zu scheitern. Bravo, Gratulation.

Ich versuche an Dinge zu denken, die mir Freude bereiten, die mir Spaß machen und Energie schenken, statt sie mir zu nehmen. Doch ich sitze mit Sonnenbrillen in der Dunkelkammer in meinem Kopf und sehe nicht das kleinste Licht. Aber ich sehe den Baum. Nicht mehr lange, dann bin ich vorbei. Konzentrier dich auf die Straße!

Vor ein paar Tagen habe ich gekündigt. Das war so nicht geplant, denn eigentlich wollte ich nur beim obersten Boss anklopfen, um zu fragen, wie es jetzt mit dem Einkaufsleiterposten aussieht. Aber als wäre er mit einer großen Portion Alzheimer gesegnet, war auf einmal von unserer Vereinbarung keine Rede mehr. Wenn ich nur daran denke, fühle ich schon den Ätna in mir. Die anschließende Unterhaltung war kurz. „Ich kündige.“ „Wanderer soll man nicht aufhalten.“ „Ich bin kein Wanderer.“ „Jetzt schon. Sie sind ab sofort freigestellt.“

Eine Stunde später saß ich an der Theke meines Lieblingspubs und musste erst einmal verarbeiten, was gerade passiert war.

Die Frage nach meinen Perspektiven bleibt unbeantwortet. Weitermachen? Aber wie? Und vor allem: Wozu? Wie ein Ertrinkender nach dem rettenden Strohhalm greift, suche ich nach Gründen, nicht das Lenkrad zu verreißen. Zu spät. Der Baum ist schon hinter mir.

Ich rekapituliere: Mein Körper hat die Konstitution eines Siebzigjährigen, Kraft und Ausdauer sind auf Null gesunken, jeder Anflug von Energie läuft mir noch bevor ich morgens aus dem Bett steige, bei den Zehen raus. Seit langer Zeit habe ich keinerlei Verbindung zu meinem Unterleib und das allein ist für mich als Mann schon eine Katastrophe. Im Kopf spukt es nur noch und jede Freude ist so weit weg wie mein zehnter Geburtstag.

Endlich daheim angekommen, lege ich mich auf die Couch und stehe den Rest des Tages nicht mehr auf. Alles, was ich will, ist davonlaufen. Vor mir, vor dem Leben. Mich betäuben, nichts mehr fühlen, nicht mehr kämpfen müssen. Leben, leck mich am Arsch.

Nachdem ich zwei oder drei Stunden geschlafen habe, höre ich diese innere Stimme leise im Hintergrund des destruktiven Geheuls in meinem Hirn. Anfangs fällt es mir noch schwer, mich auf sie zu konzentrieren, aber ich fühle deutlich, dass die Botschaft wichtig ist. Keine Ahnung, wie ich es beschreiben soll, aber mir ist, als würde mich diese Stimme dazu auffordern, meinen Status Quo nicht zu akzeptieren. Als würde der letzte Lebensfunke verzweifelt versuchen, doch noch ein Feuer zu entzünden und einfach nicht wahrhaben wollen, dass alles schon lange unter Wasser steht.

Im Halbschlaf wird mir klar, dass ich schon lange nicht mehr ich bin. Meine Seele ist auf den Malediven oder dem Mars, ich in Niederösterreich. Als würde das Licht auf der Bühne eingeschaltet werden, liegen auf einmal viele Dinge klar gut sichtbar vor mir. Ich bin ein Schauspieler, der Anderen das Stück vorspielt, das sie sehen wollen und habe so viel mit mir selbst gemeinsam, wie Daniel Craig mit James Bond. Mein Herz rast, ich hyperventiliere im liegen und eine unglaubliche Energie strömt durch mich hindurch. Ich fühle mich ein wenig wie Connor McLeod im Film „Der Highlander“, nachdem er einen seiner Gegner enthauptet hat.

Irgendwo in mir hat es klick gemacht.

Ich bin nicht mehr bereit, die Fassade aufrechtzuerhalten, brauche einen neuen Job, eine neue Wohnung, denn mit der Kündigung ist auch die Firmenwohnung weg, einen neuen Lebensansatz, neue Ziele, neue Gewohnheiten, neue Kraftquellen. Der Preis, den ich dafür bezahle, dass ich bestmöglich den Erwartungen Anderer entspreche, ist zu hoch.

Ich muss mich neu erfinden. Das Buch mit der Geschichte meines Lebens weglegen und ein neues anfangen. Im Geist sitze ich vor einem leeren Blatt Papier und warte, welche Worte auftauchen. Und als würde die Zaubertinte endlich sichtbar werden, lese ich wenig später nur einen Satz:

„Mach den ersten Schritt.“

 

————

 

Nachwort:

Der Punkt, an dem ich endlich bereit war, alles hinter mir zu lassen, ist wohl der wichtigste Wendepunkt in meinem Leben. Mich loszulösen von allen Konventionen, Bewertungen und Beurteilungen, von Glaubenssätzen, die ich mir hatte wachsen lassen und von der Vorstellung darüber, was, wer und wie ich zu sein hatte, war die beste Entscheidung meines Lebens.

Dieser Moment war der Startschuss. Und als müsste ich erst lernen, wieder zu gehen, setzte ich anfangs langsam und wackelig einen Fuß vor den anderen. Meine Reise nach Innen hatte begonnen.

Ich wusste, irgendwo in mir liegt dieser Schatz, der nur auf seine Entdeckung wartet. Alles, was ich tun musste, war, die Schatzkarte dazu zu finden.

In den nächsten Wochen dreht sich in meinen Briefen alles um die Aufarbeitung meiner Geschichte. Welche Zeichen hätte ich bemerken müssen, was hätte ich tun können und was hätte mein engstes Umfeld tun können, um mir dabei zu helfen? Wie sieht die Schulmedizin das Burnout und welche „offiziellen“ Einstufungen gibt es dazu?

Die Ideen dazu gehen mir nicht aus, nur die Zeit für die Umsetzung ist rar. Also hab bitte ein wenig Geduld mit mir.

Dieser Blog ist sozusagen meine Karte dorthin. Oder besser gesagt, ist es mehr eine Schnitzeljagd als eine einzige Karte. An jedem Zwischenziel gab mir das Leben einen neuen Hinweis, welche Richtung einzuschlagen ist.

So funktioniert das Leben. Man muss nur offen sein und immer weitergehen.

 

Alles Liebe,

Wolfgang

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