Tanja Seifriedsberger

Ich war 8 Jahre lang Kindergartenpädagogin mit Leib und Seele, 7 Jahre davon führte ich eine eigene Gruppe. Insgesamt leitete ich 3 Sommer lang einen Sommerkindergarten. Ich wusste, wie Kindergarten geht. Ich bin die  geborene Pädagogin, sagt man mir immer noch nach. Im Laufe dieser Jahre veränderte sich aber viel. Es veränderte sich viel im Außen, und es veränderte sich etwas in mir. Ich spürte immer mehr, dass diese Entwicklungen die ich vernahm, meiner Seele nicht gut taten. Ich konnte meine Arbeit aufgrund verschiedenster Rahmenbedingungen nicht mehr so ausführen, wie ich es gerne getan hätte und zunehmend frustrierte mich das. Ich tat zwar weiterhin was in meiner Macht stand, denn ich lebte für meinen Job und alles in meinem Leben drehte sich um den Kindergarten. War ich nicht im direkten Kinderdienst, werkelte ich zu Hause oft in meiner Freizeit an den Vorbereitungen für die nächsten Tage.

Für die Kinder. Mein Job war mein Leben und mein Privatleben schob sich immer mehr in den Hintergrund. Die Arbeit raubte mir die ganze Energie, ich war müde, aber ich wollte eine gute Pädagogin sein. Ich zog mich immer mehr zurück und da wo andere am Abend noch ausgingen, blieb ich zu Hause, und wunderte mich, wo die alle nach der Arbeit noch ihre Energie hernahmen.
Mein Alltag gestaltete sich eher so:

Morgens 6:00: Der Wecker klingelt, wie bei durchaus den meisten Menschen. Ich quäle mich aus dem Bett. Während dem Zähneputzen versuche ich nicht erbrechen zu müssen. Der Gedanke, gleich in die Arbeit zu müssen, dreht mir meinen Magen um und nimmt mir meinen Appetit – kein Frühstück, dafür doppelten Kaffee.

7:00: Dienstbeginn. Ich atme tief durch, die ersten Kinder trudeln ein. Ich habe jedes einzelne Kind so ins Herz geschlossen als wäre es mein eigenes, doch jedes Kind, welches jetzt bei der Tür herein kommt, schnürt mir ein weiteres Stück Luft weg. Es fühlt sich an, als zöge man einen Strick in meinem Brustbereich mit jedem Mal ein bisschen enger. 24 Kinder sind es jeden Tag. Es ist laut und es prasselt wie Regen auf mich ein. Eine riesige Belastung liegt auf meinem Rücken. Jedes Kind bedeutet eine große Verantwortung auf meinen Schultern und ich weiß, ich muss das bewältigen. Es gibt ja Menschen, Eltern, dir mir ihr Vertrauen schenken. Neben dem Durchführen meiner vorbereiteten Bildungsangebote, versuche ich Kinder davon abzuhalten, andere Kinder zu verletzen. Irgendwie schaffe ich es, den Vormittag so zu überleben, dass auch die Kinder überleben. Mehr oder weniger.

13:00 geschafft! Gottseidank kommen keine Beschwerden von den Eltern. Als ich nachmittags nach Hause komme, lege ich mich nieder, bis zu 2-3 Stunden schlafe ich, ich bin so k.o. vom Vormittag, dass ich nichts anderes mehr schaffe. Ich bin völlig fertig vom – wie andere immer so schön sagen- “ Spielen, Singen, Basteln und Kaffeetrinken.“ Das war´s dann mit dem Tag. Nichts geht mehr. Irgendwie schaffe ich es, mich dennoch für die nächsten Tage vorzubereiten. Ich muss ja. Während ich mein Vorbereitungsformular, diverse Kindbeobachtungen und Reflexionen schreibe, fühle ich mich wertlos. Beim Gedanken daran, am nächsten Tag wieder dasselbe durchhalten zu müssen, dreht sich mir abermals der Magen um. Die Tatsache, mich am Abend dahin zu trainieren, beim Zubettgehen nicht an den nächsten Tag zu denken, mache ich zu meiner Überlebensstrategie, die mich dann auch einschlafen lässt. Ich weiß insgeheim, dass ich diesen Job nicht mehr lange ertragen kann, aber immer wieder raffe ich mich auf, den Kindern zuliebe, den Eltern zuliebe, der Gesellschaft wegen. Ich kann es ja gut.

Heute wundere ich mich, wie toll man, wenn man eigentlich schon am Boden liegt, immer noch funktionieren, dabei auch noch freundlich sein und halbwegs gut aussehen kann.  Man kann das Ganze sogar auch noch mit Bravour verstecken, so, dass es keiner mitbekommt wie fertig, ausgelaugt und müde man eigentlich ist. Dabei hat mir der Job mal richtig Spaß gemacht. Der Haushalt müsste sich zu dieser Zeit von selbst gemacht haben, hätte ich nicht so einen wunderbaren Mann an meiner Seite gehabt, der wohlgemerkt auch gekocht hat.

Gottseidank kam eines Tages die „Erlösung“ und ich musste gehen, weil eine Kollegin, die Mama wurde, aus der Karenz zurückkam. Aus dem Job als Kindergartenpädagogin auszusteigen war eines der wichtigsten Dinge und wahrscheinlich hätte ich den Schritt selbst nicht gemacht. Danach verschwanden meine Kreuz und Nackenschmerzen als wären sie nie dagewesen, ja, der Rucksack, die Verantwortung, die Belastung, war mit einem Schlag weg. Eine Wohltat.

 

„Das kann es doch jetzt aber nicht gewesen sein“, dachte ich. Ich war 27 Jahre alt. So kam es, dass ich nach 8 Berufsjahren dann noch studieren ging. Mein Lehramtstudium an der PH OÖ verschaffte mir „Auszeit“. In dieser Zeit durfte ich mich regenerieren. Nicht jeden Tag diese Verantwortung im Rücken zu spüren war wie ein Segen für mich. Obwohl ich wusste, dass ich in absehbarer Zeit wieder in denselben, wenn nicht sogar noch härteren Beruf als “ Lehrerin“ einsteigen müsste.

Ich dachte, in 3 Jahren wäre ich wieder so weit, mich dahingehend erholt zu haben. Ich machte diesen Job mit Kindern trotz aller Umstände ja immer noch gerne. Ja, das tut man. In meiner Studienzeit begann ich dann wieder mehr das zu machen, was mir Spaß machte, das, was ich schon immer wollte. Musik. Es entstand mein Kindermusical „Ottos Reise um die Welt“. Ich fand den Duo la Perla Verlag, der mein Musical als musikalisches Bilderbuch verlegte. Auch ein Hörbuch als Audio CD wurde produziert. Das gab mir frische Energie. Welch ein Glück. Von da an wurde einiges anders. Ich merkte, hoppla, man muss sich nicht zu Tode schuften um den Lebensunterhalt zu verdienen. Man kann sich kleines Geld auch mit etwas heranschaffen, was man gerne macht. Wieder ein kleiner Wink des Schicksals. Ein Lichtblick.

Doch nach dem Studium begann alles wieder von vorne. Als ich 2014 mit Auszeichnung meinen Bachelor abschloss wurden am Markt keine Lehrer gebraucht. Gott sei Dank. Aber in den Kindergartenjob wollte ich nicht wieder zurück. Ich war noch sehr unsicher, ob ich das schaffen würde, aber was sollte ich denn sonst tun? Also zwang ich mich, stark zu sein. Ich nahm meine sehr verantwortungsvolle Rolle als Pädagogin immer sehr ernst. Und das machte ich offensichtlich sehr gut. Rundum hörte ich nur positive Feedbacks, welch tolle Pädagogin mit Leib und Seele ich bin. Deshalb machte ich wieder etwas, was die Gesellschaft von mir wollte – scheinbar konnte ich das ja gut- und nahm, nach kurzer Arbeitslosenzeit einen Job in einem Hort an. Was ich da erlebt habe, erzähle ich lieber nicht, man würde es mir ohnehin nicht glauben. Und so fing ich erneut an, entwurzelte Kinder zu betreuen, welche argringend stumm nach Liebe schrien, und sich deshalb, wie auch immer, wenn nicht positiv, dann halt negativ, bemerkbar machten, um zu jener Aufmerksamkeit zu gelangen, die sie so dringend brauchten. Und ich schaffte es wieder nicht, den individuellen Bedürfnissen aller 24 Kinder so aufopfernd und liebevoll gerecht zu werden, wie ich es wollte. Es zerriss mir abermals das Herz. Und da kamen sie erneut, diese leeren Momente, dieses in die Luft starren und alles als sinnlos empfinden. Floskeln wie „Das Leben ist ein einziger Kampf“ und „Warum versteht mich denn keiner?“ schwirrten mir durch den Kopf. Oben drauf wird man von der Gesellschaft auch noch belächelt, denn man wird als Pädagogin ja schließlich bloß für´s Hobby bezahlt, hört man die Menschen sagen. Das frustriert. Innerlich brodelte ich, zu Hause wurde ich gemein zu meinen Lieblingsmenschen, manchmal sogar so aggressiv, dass ich sie als „Arschlöcher“ betitelte. Sowas macht man nicht als Pädagogin. Ich wusste mir aber nicht mehr anders zu helfen. Im Job musste ich ja weiterhin freundlich sein und funktionieren. Das machte ich auch. Das konnte ich gut. Die Fassade hielt ich gekonnt aufrecht. Meine Panikattacken, Angstübelkeit und die Atemnot, kamen wieder, ich konnte nicht einschlafen und ich heulte jeden zweiten Tag, drei Monate lang. Ich konnte meinen eigenen Anforderungen den Kindern gegenüber, die so sehr nach Liebe schrien, nicht gerecht werden. Meine Augen sahen in verlorene Kinderaugen denen ich nicht ausreichend helfen konnte. Ich nahm all meine noch übrig gebliebenen Kräfte zusammen, doch ich konnte die kaputten Kinderseelen nicht mehr reparieren und meine Seele konnte die Dinge, die ich täglich in meinem Berufsalltag erleben musste, nicht mehr ertragen. Ich habe versagt. Eines sonnigen Nachmittags saß ich bei meiner Mutter auf der Terrasse und heulte ihr genau das vor. Schluchzend, mit Tränen in den Augen. Das was sie dann sagte, hat mich gerettet: “ Mädel du musst da raus, sonst können wir dich morgen im ‚Wagner Jauregg‘ besuchen.“ Das war der Grund, warum ich am selben Tag noch kündigte. Danke Mama.

 

Arbeitslos. So richtig. Nun saß ich da, als eine Frau, die immer geleistet hat, als eine Frau, die immer mehr als 100% gegeben hat. „Arbeitslos sein“, welch‘ Schande, dachte ich. Ich hab eine Weile gebraucht, bis ich damit umgehen konnte. Ok, also torkelte ich aufs AMS. Dort berichtete ich hoffnungsvoll, ich bewerbe mich selbst, ich war es immer gewohnt Eigeninitiative zu zeigen, ich brauchte niemanden der mir einen Job sucht. Ich machte dem Berater klar, dass er für mich keinen Job suchen brauchte, schon gar nicht im pädagogischen Bereich. „Ja was machen wir denn dann mit Ihnen, Sie haben eine rein pädagogische Ausbildung, Sie wissen, dass Sie in anderen Bereichen eher wenig Chancen haben “ ,meinte dieser. Ja! Ich war völlig perspektivlos. Das wünsche ich keinem.

„Was mach ich denn jetzt mit mir?“

Ein Attest sollte ich mir holen, vom Arzt. Da habe ich mich geweigert. Ein Attest für was? Burn out? Nein! Ich wollte nicht, dass ein Attest meinem weiteren Berufsweg im Wege stand. Also blieb ich stark.

Gottseidank wurden immer noch keine Lehrerinnen gebraucht. So entschloss ich kurzerhand zur Post zu gehen, einkartieren, Briefe in ein dafür vorgesehenes Fach werfen, mal was ganz anderes- monotones. Als es dann aber ans Ausfahren ging, merkte ich schnell, dass ich das körperlich nicht schaffen werde. Papier ist schwer.

Ok. Wieder aufs AMS. 5 Monate arbeitslos. Diese 5 Monate habe ich gebraucht. Ich gestand mir ein, Mal NICHTS zu machen. Das war eine ganz wichtige Erfahrung. In dieser Zeit wurde mir so vieles klar. Ich merkte, dass ich mich nicht kaputt machen lassen muss, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Bisher glaubte ich immer das sei normal, das machen ja alle so. Ich glaubte, dass sich jeder so arg den Allerwertesten aufreißt wie ich, und konnte nie verstehen, wieso die alle am Ende des Arbeitstages noch Energie und Kraft hatten ihre Freizeit aktiv zu gestalten, während ich es gerade noch kläglich auf das Sofa schaffte. Ich dachte immer, mit mir stimmt etwas nicht. Ich dachte ich wäre halt schwach, und alle anderen seien stark. Wie auch immer, ich habe versagt.

 

Doch endlich hatte ich Zeit in mich zu gehen, nachzudenken und in die Welt hinauszublicken. Ich verstand, dass ich mein bisheriges Leben viel zu ernst genommen hatte, und langsam wurde ich wieder ICH. Mir wurde klar, dass ich kein Versager bin, im Gegenteil. Ich gestand mir ein, dass ich in meinem Leben sehr wohl etwas geleistet und erreicht habe. Mir wurde bewusst, welch wunderbare Arbeit ich trotz dieser widrigen Umstände immerfort geleistet hatte. Alles was sich an mir in diesen schweren Zeiten zum Negativen hin verändert hat, all der angestaute Frust und die Aggressionen begannen sich langsam wieder zu normalisieren. Ich konnte wieder dankbar sein für die Menschen rund um mich und ich konnte wieder essen.

Und dann war da meine Liebe zur Musik, die mir auch in schweren Zeiten immer ein bisschen herausgeholfen hat. Vor allem selbst zu musizieren half mir sehr. Beim Komponieren eigener Lieder habe ich viel verarbeitet. Ich habe mich sozusagen oftmals durch die Musik selbst therapiert, tiefe Texte und Melodien geschrieben. Ganz allein, im stillen Kämmerlein.

In vielen Gesprächen mit meinem Verlag, entwickelte sich dann die Idee zu meiner heutigen Selbstständigkeit. Dort hatte man mir so viel Vertrauen und Zuspruch entgegengebracht, dass ich wieder Energie und einen Glauben an mich selbst schöpfen konnte. Ich merkte, wie diese Veränderung mir neue Kraft gab. Noch während meiner Arbeitslosenzeit meldete ich geringfügig meine selbstständige Tätigkeit an und stieg ins Unternehmensgründungsprogramm ein. 2016 habe ich gegründet. Nun bin ich selbstständige Gitarren- und Lernhilfelehrerin in „Setas Welt“, in meiner Welt, in der Kinder und Erwachsene meine vollste Aufmerksamkeit bekommen, einzeln, individuell, liebevoll aufopfernd, mit MEINEN Rahmenbedingungen. Wahrlich ein Segen. Ich hoffe und bete, dass mir Gott beisteht und mich weiterhin diesen Weg gehen lässt.

 

Tanja Seifriedsberger

War dieser Artikel hilfreich für dich? Wenn du Lust auf mehr bekommen hast, melde dich zum Newsletter an!

Zum Newsletter anmelden