Kennst du das Sprichwort „Der Klügere gibt nach“? Wenn du einen kleinen Bruder oder eine kleine Schwester hast, wirst du das wahrscheinlich viele Male von den Eltern gehört haben. So wie ich. Gerne auch begleitet von Sätzen wie „Du bist der Ältere, sei doch vernünftig“ und Ähnliches.

Mit anderen Worten ist mir unbewusst antrainiert worden, um des Friedens Willen nachzugeben, mich selbst hintanzustellen. Ganz sicher war das so nicht gewollt, sondern einfach aus der Situation heraus die einzige Lösung aus der Sicht unserer Eltern, das Geschrei der kleinen Zecke schnellstmöglich abzustellen. Und das kann ich heute sehr gut verstehen!

Das bemerkenswerte daran ist, dass wir beide etwas daraus gelernt haben:

  • Mein Bruder weiß seitdem, dass er nur laut genug schreien muss, um das zu bekommen, was er möchte.
  • Ich habe gelernt, dass Frieden schneller einkehrt, wenn ich nachgebe.

Diese Muster wurden erstmal zur natürlichen Reaktion.

Habenwollen – darum kämpfen – bekommen.
Konflikt – nachgeben – Friede.

Alles gleich mal ordentlich mit Emotionen hinterlegt und ins Unterbewusstsein eingraviert.

Gut, man kann jetzt sagen, sein Muster ist nicht so destruktiv, damit kann man leben.

Meines aber hat mich schon mehrere Male in Bedrängnis gebracht.

Dann nämlich, wenn ich nachgebe, obwohl es für mich nicht in Ordnung ist, nachzugeben. Wenn ich in der Folge eine Situation zu tragen habe, die für mich nicht stimmig ist oder ich für etwas Kritik einstecke, was so nicht auf meinem Mist gewachsen ist.

 

Es ist das Wesen einer Droge, dass sie dein Leben verändert, dass du Dinge tust, die du eigentlich nicht tun willst, nur damit du das, was du dir von der Droge erhoffst, auch bekommst. In meinem Fall: Frieden.

Da kommt dann auch noch dazu, dass ich einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn habe. In der Konstellation nicht die beste Option. Der innere Konflikt ist da praktisch schon vorprogrammiert. Wie oft habe ich an der Rüge/Kritik/Schelte als Kind vor dem Einschlafen genagt, während sich mein Bruder ins Fäustchen lachte. Auf Dauer hinterlässt das Spuren, die sich im späteren Leben immer wieder zeigen.

Nun bin ich in den letzten Wochen gerade wieder mit diesem Muster konfrontiert worden.

Wieder habe ich zugelassen, dass jemand meine Grenzen verschieben konnte und ich mich am Ende in einer Situation wiederfand, in der ich mich überhaupt nicht wohl fühlte.

Des Friedens Willen. Der Klügere gibt ja nach, haben sie gesagt.

Bullshit!

Wenn immer der Klügere nachgibt, bestimmen die Nicht-Klugen, wohin die Reise geht. Im Umkehrschluss wäre ja der, der nachgibt, immer der Klügere. Das kann so nicht sein. Also ganz klar: Märchenalarm!

Wir alle wollen ein harmonisches Umfeld, wollen Frieden in unseren sozialen Beziehungen und uns wohlfühlen. Aber manchmal ist der Preis für diesen Frieden einfach zu hoch, manchmal ist es notwendig, aufzustehen und für sich selbst, seine Werte und seine Grenzen einzustehen.

Manchmal ist es notwendig, dass wir uns den kalten Wind der Meinungsverschiedenheit um die Nase wehen lassen, uns zeigen und das auch mitteilen. Sanft, aber bestimmt. Und meistens bemerkt man dann, dass die Folgen gar nicht so arg unangenehm sind, ja, dass der Sparingspartner sogar dankbar ist, den eigenen Standpunkt zu (er)kennen.

Machen wir das nicht, rücken unsere Grenzen immer ein klein wenig enger um uns oder verdrängen uns gar aus unserer Mitte und ehe wir es uns versehen, schauen wir beim morgendlichen Zähneputzen einem Fremden ins Gesicht.

Es sind oft vermeintliche Kleinigkeiten, die uns prägen und unser Leben bestimmen. Die Muster dahinter zu erkennen und wertfrei anzusehen, ist unglaublich wichtig und meistens schon die Lösung. Achtsam wahrzunehmen, aus welcher Motivation heraus wir handeln und Entscheidungen treffen, ist wesentlich für unser seelisches Wohlbefinden.

Warum gebe ich in einem Konflikt nach? Es kann ja durchaus ok und sinnvoll sein, nachzugeben. Aber eben nicht immer.

Harmonie kann ein Bedürfnis sein. Oder eine Droge.

Was ist sie für dich?

Gehst du bewusst und achtsam mit deinen Grenzen um?

Eine spannende Frage, wie ich ganz aktuell finde.

Alles Liebe!

Wolfgang

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