Flashback ins Jahr 1999. Neben meiner körperlichen Gesundheit brach im ersten Höhepunkt meiner Krise auch die Vorstellung über den Sinn des Lebens weg wie ein Eisberg im arktischen Schelf. Der Tsunami an Kraftlosigkeit und Trauer, der als direkte Folge danach in meinem Leben spürbar wurde, richtete mehr Schaden an, als alle körperlichen Symptome zusammen.

Zurückgelassen in meiner eigenen emotionalen Wüste, ohne Wasser und ohne Aussicht auf Hilfe, scheiterte auch jeder Versuch, mich innerlich aufzurichten. Wenn die Seele am Boden liegt, hat der Geist keine Anhaltspunkte, keine Kraftquellen, die trostlose Situation aus eigener Kraft zu ändern. Dieser Marsch durch die Wüste dauerte ein paar Wochen. Ausgedörrt stand ich damals in meiner emotionalen Einöde, rund um mich nur Sanddünen. Keine Vegetation, kein Baum, kein Wasser, kein Grashalm. Meine Seele fühlte sich damals schon nur noch nach Haut und Knochen an und war bereit, jedes noch so kleine feuchte Taschentuch wie die Ankunft eines neuen Gottes zu feiern, nur damit meine Lippen benetzt wurden. Die Hoffnung, dass dieser Tropfen mir neues Leben einzuhauchen imstande wäre, starb nie.

Doch weder schwebte ein solches gottgleiches, feuchtes Taschentuch zu mir, noch tauchte am Horizont eine Oase auf, deren Anblick mir Kraft hätte geben können.

Ich musste Brunnen bohren.

Buchstäblich mit letzter Kraft meiner Hände schaufelte ich den Wüstensand unter mir beiseite, auf der Suche nach der Antwort auf die Frage nach dem Warum. Mir war immer klar, es MUSSTE eine Antwort geben. Wenn nicht, war ich verloren. Und mit mir viele andere. Garantiert war ich nicht der einzige Verdurstende in der Sinn-Wüste seines Lebens.

Und in gefühlten 10 Metern Tiefe sickerte endlich ein kleines, feuchtes Rinnsal unter meinen Füßen. Die Weisheit, die in diesen wenigen Tropfen des Lebens enthalten war, hat mich erstaunt.

– Ein kleiner philosophischer Exkurs –

Panta rhei. Alles fließt. Heraklit war sicher nicht der Erste, der über das Leben nachgedacht hat und ganz sicher auch nicht der Letzte. Aber seine Erkenntnis ist so umfassend wie zeitlos. Wenn man sich umsieht, bleibt nichts wie es ist, alles verändert sich, selbst das Universum ist ständig in Bewegung. Das Gleiche gilt für das Leben an sich.

Was kann also der Sinn des Lebens sein? Sich zu verändern? Oder ist das nur der Prozess, der ihm zugrunde liegt, seine Natur, sein unveränderliches Wesen?

Wenn ich also nicht ändern kann, dass sich das Leben – mein Leben – verändert, wie kann ich darin Sinn finden? Verändert sich dieser nicht auch ständig mit ihm? Anatomisch gesehen sind wir alle sieben Jahre ein völlig neuer Mensch. So lange braucht unser Körper, um alle Zellen (manche schneller, manche langsamer) von Grund auf zu erneuern und auszuwechseln. Wenn Veränderung unaufhaltbar ist, wie will ich dann diesen Prozess durchleben?

Nach vielen Stunden philosophischer Kontemplation und Innenschau tauchte eine neue Frage in mir auf, wie ein lange vermisster Wegweiser auf meiner nebelumhüllten Wanderung zu mir selbst.

Welchen Ausdruck möchte ich meinem Leben geben?

Den Fluss des Lebens zu stoppen ist weder sinnvoll noch möglich. Aber ich kann ihn umleiten, um meine Felder zu bewässern anstatt ihn auf sandigem Grund versiegen zu lassen.

Die Frage nach dem Ausdruck beinhaltet natürlich auch die Frage, was denn da zum Ausdruck gebracht werden will oder kann. Und auch die Frage nach dem Wie baute sich wie eine Mauer vor mir auf.

So, wie man jeden Marathon mit dem ersten Schritt beginnt, fing ich an, mich auszudrücken. Am allerbesten geht das mit Kunst. Ich begann zu malen und gewann die Erkenntnis, dass ich mit Farben einfach nicht so gut kann. Dann versuchte ich mich als Bildhauer an wehrlosen Porenbetonsteinen, die auch für mich als Autodidakten ohne gröbere Verletzungen zu behauen waren. Die Früchte am Baum der Erkenntnis waren nicht so süß wie erwartet. Die Visionen und Bilder, die meinen künstlerischen Ergüssen zugrunde lagen, schürten Erwartungen, die meiner Hände Arbeit nicht erfüllen konnte. Mag es mangelnde Erfahrung gewesen sein oder einfach nur fehlendes Talent. Ich weiß es nicht und heute ist es mir auch egal. Denn die Weisheit lag wieder einmal in der Reflektion.

In all diesen Versuchen und Stunden der Fokussierung auf das, was ich für das Leben halte, nämlich diese Energie, die einfach nur fließen und zum Ausdruck gebracht werden will, fühlte ich mich gut. Um genau zu sein, fühlte ich mich in mir selbst, ausgeglichen und mit mir viel besser als mit dem tatsächlichen Ergebnis.

Die Erkenntnis, dass es weniger darum geht, was am Ende herauskommt, sondern hauptsächlich darum, wie ich mich während der Zeit des Tuns gefühlt habe, schmeckte süß. Das Gefühl des Tuns, gedanken- und erwartungsfrei im Flow zu sein, war einfach genial.

Wie könnte ich nun die neu gewonnene Weisheit auf mein Leben umlegen, auf meine physische Erfahrungsebene? Wie passte das in eine ergebnisorientierte, rationale und monetär fixierte Welt, die unser Tun nur am Ergebnis misst statt am Prozess?

Normalerweise, wenn ich etwas tue, wünsche ich mir vom Ergebnis, dass es entweder verkauft werden kann, ich mir Ehre und Ruhm damit verdiene oder meine Umwelt auf andere Art auf mich stolz ist. Und sei es nur, weil dann der Mülleimer wieder befüllt werden kann.

Aber ich wollte darauf achten, wie ich etwas tat, in welchem Gefühl.

War ich sauer, weil der verdammte Mülleimer nicht von selbst runterging und sich in seinen großen Bruder entleerte, sondern ich wieder mal meine wertvolle Lebenszeit dafür opfern musste oder konnte ich diese Aktion als kontemplativen Akt der Reinigung sehen und mich an der frischen Luft und der Bewegung freuen, die damit einhergingen?

Eine Frage des Blickwinkels, ohne Zweifel.

Dieser Blickwinkel lässt sich auf alles im Leben umlegen. Habe ich Freude am Tun? Bringt es das, was in mir ist, zum Ausdruck? Nährt es meine Seele? Hänge ich im Schaffensprozess in meinen destruktiven Gedanken, die Notwendigkeit meiner Aktionen verteufelnd und die Verantwortung dafür auf alle Anderen, denn auf mich schiebend?

Messe ich das Ergebnis an einer wie auch immer gearteten Erwartung?

Im Falle des Mistkübels ist die Erwartungshaltung zugegebenermaßen nicht sehr hoch und das gewünschte Ergebnis leicht zu erreichen.

Bei meinen bildhauerischen Versuchen lag die Sache schon anders.

Natürlich ist man immer verleitet, die Vision, die dem Akt zugrunde liegt, auch als gewünschtes Ergebnis in die Zukunft zu projizieren und die Realität daran zu messen. Aber ehrlich: Mehr als 80% Erfüllungsgrad ist fast schon unrealistisch. Um 100% zu erreichen, müsste ich so viel mehr Energie hineinstecken, um letzten Endes vielleicht doch an meiner Erwartung zu verzweifeln. Und der Flow ist dann auch dahin.

Wir sind halt daran gewöhnt, immer 110% zu geben und die auch zu erreichen. Nur, wie das gehen soll, hat mir noch keiner schlüssig erklären können.

Dem Leben einen Ausdruck geben. Nur für dich. Im besten Fall auch für andere. Aber nur, wenn es leicht geht.

Dem Leben einen künstlerischen Aspekt verleihen, das ist die Kunst. Denn am Ende muss dein Leben nur dir selbst gefallen und niemandem sonst.

Und auch diese Schönheit liegt im Auge des Betrachters. In dir.

Wenn du also das nächste Mal in einer emotionalen Wüste halb verdurstet um dein Leben fürchtest, die Energien in die feststecken wie der Karren im Dreck, dann nimm dir einen Pinsel, etwas Farbe und ein Blatt Papier zu Hand und lass es einfach mal fließen. Oder bearbeite einen Porenbetonstein oder ein Instrument oder vielleicht klöppelst du lieber.

Letzteres wäre auch für mich nichts gewesen, da sind auch wieder Farben drin.

 

Hab eine schöne Zeit!

Alles Liebe,

Wolfgang

 

P.S.: Wie du siehst, ist mein einzig(artig)es bildhauerisches Kunstwerk noch heute als optischer Aufputz in unserem Schlafzimmer in Verwendung. Die Büste begleitet mich seit fast 20 Jahren und erinnert mich an das, um was es wirklich geht: Den Flow im Tun.

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